Katinka Fischer
Die Welt ist eine Katze
Rede zur Ausstellungseröffnung am 23. April 2004 im Kunsthaus am Schulberg, Wiesbaden

„Die Welt ist eine Katze“ hat vor einigen Jahren ein Redakteur der „ZEIT“ seinen Artikel überschrieben und damit eine bezaubernd schöne These zur Versöhnung der Wissenschaft mit der Poesie formuliert. Der Fotograf Hans-Martin Asch vollbringt etwas Vergleichbares, auch wenn er dabei viel analytischer und weniger spekulativ vorgeht: Ohne dass einem dies gleich auffallen würde, bringt seine Arbeit Wissenschaft und Kunst in Einklang. Beide werden zwar häufig in einem Atemzug genannt und müssen sich hierzulande schließlich auch ein Ministerium teilen, kennen trotz gewisser Schnittmengen dennoch keine wirklich gemeinsame Sprache. In Aschs Werk dagegen kommen die auf strenge Gesetze hörende Wissenschaft und die so oft als frei apostrophierte Kunst nicht nur zusammen, sondern werden sich hilfreich, brauchen die jeweils andere, scheinen einander gar zu bedingen. Einen Ausschnitt seines Schaffens der vergangenen vier Jahre zeigt Asch von heute an und noch bis 16. Mai in der Aula des Kunsthauses. 

Die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Fläche zu Raum und die durch unsere korrumpierbaren Sinne illusionäre Wahrnehmung von beidem treiben das fotografische Schaffen des 1958 geborenen Wiesbadeners voran. Sein Ehrgeiz zielt auf die Auslöschung von Illusion. Bezogen auf das seinem Wesen nach flächige, also zweidimensionale Bild bedeutet dies, die räumliche Wahrnehmung des darauf festgehaltenen Gegenstandes auszublenden. Perspektive, Fluchten, Schattenwürfe und andere kleine Lügen, die uns etwas von einer dritten Dimension weismachen wollen, müssen verschwinden. Denn „Raum kann man ja nicht sehen“, wie der Künstler es selbst formuliert. Raum wird einfach mit- und in das Bild hineingedacht.

Was wir in Wahrheit sehen, ist eine Projektion, die die Kamera – wie das menschliche Auge – zuvor von Raum in Fläche übersetzt hat und die uns Plastizität lediglich vorgaukelt. Dass die Äste, denen sich ein wesentlicher Teil von Aschs Werk zuwendet, plastisch sind, sagt uns allein der Verstand. Noch nicht einmal Wissen und Erfahrung also können eine objektive Wahrnehmung von Wirklichkeit garantieren. Was unser Hirn, in dem die Welt als Körper gespeichert ist, zu der zweidimensionalen Bild-Realität an Informationen der Dreidimensionalität hinzu rechnet, rechnet Asch in seinen schwarz-weißen Foto-Prints wieder heraus. Er zwingt uns, bei der sinnlichen Datenverarbeitung einen Schritt hinter die Erfahrung zu treten und die – es ist, wie es ist – reine Fläche des Bildes wahrzunehmen. Dieser Erklärung bedürfen seine im Grunde konzeptuellen Bilder.

Bei aller scharfen und von strenger Ratio gelenkten Analyse der Wahrnehmung sind es die schönen Dinge, die Hans-Martin Asch beschäftigen und seine Bilder motivieren. Gewissermaßen als Illustration seiner komplexen Überlegungen dienen der Formenreichtum und die Ordnungsprinzipien der Natur. Asch lässt sich inspirieren in freier Landschaft, von den Wiesen und Wäldern im Rabengrund, aber auch von einzelnen Bäumen mitten in dicht besiedelter Wiesbadener Wohngegend. Selbst abgestorbene, oft nur winzig kleinen Ästchen übersieht er nicht, sondern erkennt noch in diesen toten, vom Boden aufgelesenen Fundstücken einen kompletten formalen Kosmos. 

Aschs sehr strukturiertem Gedankengebäude kommt es entgegen, dass die Natur, auch wenn es oft anders aussieht, keine Unordnung kennt. Hans-Martin Asch spürt den sich ständig verändernden Formen nach, die Wachstum, Verzweigung oder Bewegung hervorbringen und den Gesetzmäßigkeiten, die sich daran ablesen lassen. Nicht, dass er diese Phänomene einfach abfotografieren würde. Für die Ast-Serie, mit der er im Jahr 2000 begann und für deren Fortsetzung ihm die Ideen nicht ausgehen, hat er durch kleine Eingriffe wie Überlagerungen, Spiegelungen, Drehungen oder Veränderungen der Größenverhältnisse buchstäblich neue Perspektiven geschaffen.  Zu den Techniken, mit denen er Wahrnehmung testet, gehört auch die nachträgliche Übermalung eines Astes mit weißer Farbe. Wie bei einer Mimikry reduziert er damit die Grenze zwischen Gegenstand und Bildhintergrund auf das absolute Minimum. Übrig bleibt nur der Hauch einer Kontur. 

Für das Motiv der Einladungskarte, das hier im Format 60 mal 141 Zentimeter zu sehen ist, hat Asch in seinem Studio mit einer Großformat-Kamera einenAst in mehreren kleinen und einzeln abfotografierten Schritten um etwa 180 Grad gedreht. Die natürliche Wachstumsrichtung lässt sich auf den ersten flüchtigen Blick kaum festmachen. Es ist noch nicht einmal eindeutig, dass es sich dabei immer um denselben Ast handelt. 

Durch die kleinen Manipulationen verlieren Aschs Motive fast den Charakter des Pflanzlichen und wirken kaum mehr gegenständlich. Noch deutlicher als in den Ast-Bildern wird dies in seinen Schattenbildern, bei denen unterschiedliche Schärfe und die Wahl des Ausschnitts zu einer fast völligen Abstraktion der natürlichen Formen führen. Leicht kann man die Fotos zudem mit Zeichnungen verwechseln. Wenn man sich aber Zeit nimmt, sich ganz darauf enlässt und genau hinsieht – und diesen hohen Anspruch stellen Aschs Bilder ausnahmslos –, erkennt man das genaue Gegenteil: Im scheinbaren Chaos steckt System. Sehr bewusst also bewegt sich der Künstler auf dem Grat zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. 

Was die Größe des Bildgrundes angeht, ist Asch im übrigen nicht festgelegt. Er kann auf miniaturhaft kleinem Format ebenso viel sagen wie auf beinahe wandfüllender Bildfläche. Wirklich große Abzüge konnte er ohnehin erst herstellen, als er im Jahr 2000 im Hinterhaus der Karlstraße 15 die dafür nötigen Räume gefunden hatte. 

Hans-Martin Aschs künstlerische Entwicklung spiegelt sich in einer in sich stimmigen Vita, die dennoch nicht das ist, was man neudeutsch „straight“ nennt: Einigen Semestern Germanistik in Mainz folgte ein Studium der Fotografie an der Darmstädter Fachhochschule für Gestaltung, das er 1985 abschloss. Gleichwohl waren seine Medien danach zunächst Pinsel, Stift, Leinwand und Papier. 

Seine vom abstrakten Expressionismus beeinflusste Malerei, die damals entstand und die er aufgab, als sie ihm zu persönlich wurde, hat mit der Ruhe seiner reduzierten Foto-Prints von heute scheinbar nichts mehr zu tun. Die Farbe ist verschwunden und die impulsive Formensprache verstummt. Anders als die Gemälde entstehen die Schwarz-Weiß-Aufnahmen auch nicht mehr „automatisch“ und spontan aus dem Bauch heraus. Der Produktionsprozess beginnt im Gegenteil im Kopf und materialisiert sich erst nach langer analytischer Gedankenarbeit. Einige Gemeinsamkeiten sind dem früheren und dem gegenwärtigen Werk gleichwohl  geblieben. Sich kreuzende und überlagernde, sich zu neuem „Wesen“ verdichtende Linien bestimmen das formale Prinzip sämtlicher Werkphasen. Auch haben die Arbeiten das Moment der Bewegung nicht nur implizit wie in der Ast-Serie, sondern in Schatten-Bildsequenzen oder -Videos auch sehr konkret bewahrt. 

Trotz des einschlägigen Studiums wurde aus dem Maler und Zeichner Hans-Martin Asch erst relativ spät der Fotograf Hans-Martin Asch. Dem ging nicht etwa eine schrittweise Entwicklung voraus, ein womöglich langwieriger Prozess, der angesichts eines so analytischen, stets reflektierenden, nie müden Schöpfer-Geists kaum überraschen würde. Es war im Gegenteil ein regelrechtes Schlüsselerlebnis: Der Schatten einer Baumkrone, den das Sonnenlicht auf die gegenüber gelegene Brandmauer projizierte, fesselte seinen Blick, als er 1999 durch das Fenster seines ehemaligen Ateliers in der Wörthstraße sah. Das Phänomen faszinierte ihn so sehr, dass er spontan zur Kamera griff. Sein Thema, das ihn fortan beschäftigen sollte, war gefunden: Die zweidimensionale Bildrealität des dreidimensionalen „Originals“. 

Nach wie vor befasst sich Hans-Martin Asch intensiv mit Schatten. Den Baumschatten etwa, die im Rabengrund auf den Wiesenboden fallen und im sanften Wind ebenso sanft ihre Form verändern, nähert Asch sich ganz anders als der durchschnittliche Sonntagsspaziergänger: Ein solches physikalisches Kammerspiel nahm ihn schon derart gefangen, dass es ihm unmöglich war, seinen Weg fortzusetzen. Er konnte nicht anders als lange, lange stehen zu bleiben und dieses visuelle Gegenstück des Rauschens und seine Schönheit dann zu fotografieren beziehungsweise zu filmen. Diese Begebenheit liefert das beste Beispiel dafür, dass ihm über aller tief gründender Theorie die Sinnlichkeit und das Gefühl für schiere Schönheit nicht verloren gegangen ist. 

Den Faktor Zeit, der sich ohne den in Aschs Arbeiten ebenfalls manifesten Faktor Bewegung nicht denken lässt, setzen Foto-Sequenzen sowie Filme ins Bild. Hier im Kunsthaus läuft ein vierminütiges, 2002 enstandenes Video. Die Natur vermittelt sich darin nun auch über eine Tonspur, die Aschs Werk nicht unbedingt nötig hat, die aber beinahe zufällig zum ironischen Kommentar auf menschliche Natur-Begriffe geworden ist. Auch das Triptychon an einer der langen Seiten des Raumes verdeutlicht die kleinen strukturellen Veränderungen, die auf das Konto der Zeit gehen: Ausgelöst wurde die Kamera im Abstand von wenigen Minuten, während ihr Standort derselbe blieb. Die unterschiedliche formale Wirkung der zu friesartigen Streifen gereihten kleinen Bilder an der Wand gegenüber hat indes rein technische Gründe. Sie stammen in Wahrheit alle von ein und demselben Negativ, wurden im Labor nur verschieden lange belichtet. Wir sind wieder beim Thema: Unsere Sinne lassen sich eine Menge vormachen. 

Die Tag- und Nachtschattenfotos auf der Empore stammen aus Aschs aktueller, im vergangenen Jahr eingeläuteten Schaffensphase. Er hat sie ohne Kamera aufgenommen. Wie genau er dabei vorgegangen ist, behält er lieber für sich. Aber die Tatsache, dass sich eine fotografische Aufnahme ganz ohne die Unterstützung des Apparates herstellen lässt, der Raum in Fläche transponiert, gibt ihm neuen schöpferischen Impuls. Er zieht daraus den schon philosophischen Umkehrschluss, dass die zweidimensionale Wirklichkeit des Bildes bereits vor dem Auftreffen auf seiner Projektionsfläche existiert und selbige streng genommen gar nicht mehr benötigt. Die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Fläche und Raum spitzt Hans-Martin Asch nun also zu und analysiert mit seinen Überlegungen zumindest theoretisch sogar die Projektionsfläche weg. Einer platonischen Idee nicht unähnlich geht sein Bildbegriff nun auf in völliger Vergeistigung. 

Zweifellos fordern diese mit mehreren Wissenschaften flirtenden, konzeptuellen Gedanken die Betrachter von Hans-Martin Aschs Fotos heraus. Gefahr vor Überforderung besteht deswegen aber nicht. Denn die Bilder erfüllen nicht nur einen hohen geistigen Anspruch, sondern auch die Sinne. Sie sind einfach schön.